Alles Klasse hier? Klassismus, Rassismus und antirassistischer Widerstand

Einleitung: Wenn "alles Klasse" eben nicht für alle gilt

Der Slogan "Alles Klasse hier" klingt zunächst nach einem harmlosen Werbespruch. Doch im Kontext gesellschaftlicher Ungleichheit wird schnell deutlich, dass es eben nicht für alle Menschen "klasse" läuft. Wer in Armut lebt, prekär arbeitet oder diskriminiert wird, erlebt täglich, wie soziale Herkunft, Bildung, Einkommen und gesellschaftlicher Status über Teilhabechancen entscheiden. Hier setzt der Begriff Klassismus an: die systematische Abwertung, Ausgrenzung und Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Position.

Gleichzeitig zeigt sich, dass Klassismus eng mit anderen Herrschaftsverhältnissen wie Rassismus verflochten ist. Das wird nicht nur in politischen Debatten deutlich, sondern auch in konkreten Auseinandersetzungen in Städten wie Hamburg, Berlin-Hellersdorf oder Schneeberg, wo antirassistische Mobilisierungen auf rassistische Hetze und soziale Spaltung reagieren.

Was ist Klassismus?

Klassismus bezeichnet Diskriminierung, Abwertung und strukturelle Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer (zugeschriebenen) Klassenposition. Dabei geht es nicht nur um Einkommensunterschiede, sondern um ein komplexes Geflecht von sozialer Herkunft, Bildung, Wohnort, Habitus und kulturellem Kapital.

Klassistische Strukturen zeigen sich zum Beispiel in:

  • Bildungssystemen, die Kinder aus Akademikerfamilien bevorzugen und Arbeiterkinder überproportional aussortieren
  • Arbeitsmärkten, in denen Menschen in prekären Jobs kaum Aufstiegschancen haben
  • Wohnungs- und Stadtpolitik, die arme Viertel stigmatisiert und verdrängt
  • Medialen Darstellungen, in denen Armut und "Unterschicht" verspottet oder moralisch verurteilt werden

Klassismus ist damit nicht nur eine individuelle Haltung, sondern ein strukturelles Verhältnis von Macht und Ungleichheit. Über Stereotype, Gesetze, institutionelle Routinen und ökonomische Zwänge wird festgeschrieben, wer als "leistungsfähig", "bildungsfähig" oder "integrierbar" gilt.

Klassismus und Rassismus: Verflochtene Herrschaftsverhältnisse

Rassismus und Klassismus sind eng miteinander verbunden. Während Klassismus entlang sozialer Hierarchien diskriminiert, knüpft Rassismus diese Hierarchien an zugeschriebene "ethnische" oder "kulturelle" Merkmale. In der Praxis sind diese Linien kaum zu trennen. Viele Menschen erleben mehrfache Diskriminierung, etwa als migrantische Arbeiterinnen, Geflüchtete in Sammelunterkünften oder Schwarze Akademiker, deren Kompetenz in Frage gestellt wird.

Beispielsweise:

  • Geflüchtete werden in entlegenen Unterkünften untergebracht, was sie sowohl sozial als auch räumlich ausgrenzt.
  • Menschen mit Rassismuserfahrungen sind überdurchschnittlich häufig in schlecht bezahlten, unsicheren Jobs tätig.
  • Mediale Debatten über "Problemviertel" verbinden rassistische Bilder mit klassistischer Verachtung.

Der Kampf gegen Rassismus darf daher nie losgelöst von Fragen sozialer Ungleichheit geführt werden. Ebenso kann eine Kritik an Klassismus nicht ignorieren, wie sehr Rassismus soziale Spaltungen verschärft.

Antirassistische Mobilisierungen: Hamburg, Hellersdorf, Schneeberg

In den vergangenen Jahren haben antirassistische Proteste und Bündnisse immer wieder darauf aufmerksam gemacht, wie Rassismus und soziale Spaltung politisch instrumentalisiert werden. Insbesondere in Hamburg, Berlin-Hellersdorf und Schneeberg wurden rassistische Kampagnen gegen Geflüchtete mit einer vermeintlichen Sorge um soziale Sicherheit verknüpft.

Wesentliche Dynamiken dieser Konstellationen:

  • Angstpolitik: Soziale Unsicherheit, Wohnungsnot oder Konkurrenz um Jobs werden genutzt, um Ressentiments gegen Geflüchtete und Migrantinnen zu schüren.
  • Spaltung von unten: Statt gemeinsame Interessen von Lohnabhängigen, Erwerbslosen und Geflüchteten zu benennen, werden diese Gruppen gegeneinander ausgespielt.
  • Normalisierung von Rassismus: Rassistische Parolen präsentieren sich als "Sorge um das Volk" oder "soziale Gerechtigkeit für Einheimische".

Demgegenüber haben antirassistische Bündnisse deutlich gemacht, dass es keine soziale Gerechtigkeit auf Kosten anderer geben kann. In ihren Stellungnahmen und Aktionen wird betont, dass echte Veränderung nur durch Solidarität zwischen unterschiedlich betroffenen Gruppen entstehen kann.

Die Rolle antirassistischer Bündnisse

Bündnisse gegen Rassismus stellen einen wichtigen Gegenpol zu nationalistischen und sozialchauvinistischen Diskursen dar. Sie verbinden Protest auf der Straße mit und konkreter Unterstützung für Betroffene.

Ihre Arbeit umfasst unter anderem:

  • Organisation von Demonstrationen, Kundgebungen und Mahnwachen gegen rassistische Aufmärsche
  • Kritische Stellungnahmen zu Medienberichten und politischen Entscheidungen
  • Solidarische Strukturen für Geflüchtete, darunter Sprachmittlung, Alltagsunterstützung oder politische Bildung
  • Vernetzung von Gewerkschaften, migrantischen Selbstorganisationen, feministischen Gruppen und linken Initiativen

Wichtig ist dabei, dass antirassistische Bündnisse nicht nur "gegen etwas" sind, sondern positive Perspektiven aufzeigen: eine Gesellschaft, in der gleiche Rechte, soziale Sicherheit und Würde nicht von Herkunft, Pass oder Kontostand abhängen.

Klassismus im Alltag sichtbar machen

Ein entscheidender Schritt im Kampf gegen Klassismus ist es, die scheinbar selbstverständlichen Hierarchien im Alltag zu hinterfragen. Klassismus zeigt sich nicht nur in großen politischen Entscheidungen, sondern auch in kleinen Gesten, Witzen, Formulierungen und Erwartungen.

Beispiele für alltäglichen Klassismus:

  • Die Abwertung bestimmter Dialekte oder Sprechweisen als "ungebildet".
  • Die Annahme, ein bestimmter Kleidungsstil oder bestimmte Körperformen seien "unprofessionell".
  • Die Idee, Armut sei vor allem das Ergebnis individueller Faulheit oder "falscher Entscheidungen".
  • Die Selbstverständlichkeit, mit der hohe Mieten oder Studiengebühren als "unvermeidlich" akzeptiert werden.

Solche Einstellungen verfestigen die Trennung zwischen denen, die als "leistungskräftig", "gebildet" oder "wertvoll für die Gesellschaft" gelten, und denen, denen dies abgesprochen wird. Wer Klassismus kritisiert, stellt diese scheinbare Normalität in Frage und verweist auf strukturelle Ursachen: Lohnpolitik, Vermögensverteilung, Bildungssystem, Migrationsregime.

Perspektiven linker Kritik: Klassenverhältnisse neu denken

Eine zeitgemäße linke Gesellschaftskritik muss sowohl Klassenverhältnisse als auch Rassismus und andere Diskriminierungsformen zusammendenken. Der Begriff Klassismus kann dabei helfen, die kulturellen, symbolischen und subjektiven Dimensionen von Klassenherrschaft sichtbar zu machen, ohne die ökonomische Grundlage zu vernachlässigen.

Das bedeutet unter anderem:

  • Ausbeutung nicht nur als Frage von Löhnen und Profiten, sondern auch als Frage von Wertschätzung und Sichtbarkeit zu begreifen.
  • Rassismus nicht als Nebeneffekt, sondern als integralen Bestandteil kapitalistischer Klassenstruktur zu analysieren.
  • Politische Organisierung so zu gestalten, dass Menschen mit unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen gemeinsame Strategien entwickeln können.

Statt eine abstrakte "Klassenfrage" gegen antirassistische oder feministische Perspektiven auszuspielen, geht es darum, die vielfältigen Erfahrungen von Unterdrückung, aber auch von Widerstand, zusammenzuführen.

Sich nicht spalten lassen: Solidarität als Antwort

Wo Rassismus und Klassismus gezielt eingesetzt werden, um Menschen zu spalten, bleibt Solidarität die zentrale Antwort. Sie beginnt dort, wo Nachbarinnen gemeinsam gegen Zwangsräumungen protestieren, wo Beschäftigte in prekären Jobs Betriebe organisieren, wo Bündnisse gegen Rassismus klar machen, dass soziale Sicherheit nicht an Staatsangehörigkeit oder Herkunft gebunden sein darf.

Solidarität ist dabei kein abstrakter Wert, sondern eine praktische Haltung:

  • Betroffene von Diskriminierung ernst nehmen und ihnen zuhören.
  • Eigene Privilegien reflektieren und Strukturen hinterfragen, von denen man profitiert.
  • Aktiv werden, wenn Menschen abgewertet, angegriffen oder entrechtet werden.

Nur wenn sich kämpfe gegen Rassismus, gegen soziale Spaltung und gegen andere Formen von Diskriminierung gegenseitig stärken, kann sich langfristig etwas an den Verhältnissen ändern.

Fazit: Alles Klasse hier – für wen?

Die Frage, ob wirklich "alles Klasse hier" ist, muss angesichts zunehmender sozialer Ungleichheit und häufiger werdender rassistischer Mobilisierungen klar verneint werden. Eine ehrliche Bestandsaufnahme zeigt: Klassenverhältnisse sind weiterhin wirksam, auch wenn sie sich verändert und vervielfältigt haben. Rassismus strukturiert diese Verhältnisse zusätzlich und legt fest, wer als "zugehörig" und wer als "problematisch" gilt.

Antirassistische Bündnisse, kritische Analysen von Klassismus und konkrete Praxis vor Ort machen deutlich, dass es Alternativen gibt: eine Gesellschaft, in der nicht Herkunft, Pass oder Kontostand darüber entscheiden, ob Menschen in Würde leben können. Der Weg dorthin führt über solidarische Organisierung, eine klare Absage an rassistische und klassistische Spaltungsversuche und über den Mut, vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.

Die Frage nach Klassismus und Rassismus stellt sich auch im vermeintlich neutralen Bereich des Reisens und der Hotels. Wer sich ein komfortables Hotel leisten kann, wer häufig reist, geschäftlich unterwegs ist oder in angesagten Stadtteilen übernachtet, ist nicht nur vom individuellen Geschmack, sondern stark von Einkommen, Aufenthaltsstatus und sozialer Position abhängig. Während manche Menschen zwischen Designhotels und Boutique-Unterkünften wählen, sind andere in überfüllten Unterkünften, Notquartieren oder Sammelunterbringungen untergebracht, oftmals am Stadtrand oder abgeschottet von öffentlicher Infrastruktur. Diese Unterschiede machen deutlich, wie eng der Zugang zu sicherem, würdevollem Wohnen – ob dauerhaft oder auf Reisen – mit Klassenverhältnissen und migrationspolitischen Entscheidungen verwoben ist. Eine kritische Betrachtung von Klassismus und Rassismus bedeutet daher auch, die Bedingungen zu hinterfragen, unter denen Menschen überhaupt die Wahl haben, wo und wie sie übernachten können.